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High tech vagy low tech? | öko-retro-bio-grín

PRECHT DEUTSCH 173-198

2019. január 10. 10:56 - RózsaSá

Betreutes Leben?

Vom Reiz des Unvorhergesehenen

In dem deutsch-finnischen Film Zugvögel ... Einmal nach Mail von 1996 gibt es eine sehr berührende Szene. Der Lastwagenbeifahrer Hannes, gespielt von Joachim Kröl, lebt ein ziemlich einsames Leben. Unattraktiv, schüchtern und ohne Freunde hat er sich ganz in seine kleine Privatwelt eingesponnen. Er studiert die Kursbücher der Eisenbahnen und lernt alle Fahrpläne auswendig. Sein Ziel ist der erste Internationale Fahrplan-Wettbewerb in Inari, einem kleinen Ort in Lappland, den er unbedingt gewinnen will. Auf der Bahnfahrt lernt er eine schöne Frau kennen, die Finnin Sirpa, die sich darüber wundert, dass Hannes ausgerechnet mit dem Zug nach Inari fährt. Das ist zwar die kürzeste Strecke, aber gewiss nicht der schönste Weg. Der nämlich führt, wie Sirpa ihm erzählt, durch Nordschweden über Haparanda und weiter über das Meer. Hannes verliebt sich Hals über Kopf in die bezaubernde Sirpa. Als er schließlich am Wettkampf um den Preis des größ-ten Fahrplanexperten teilnimmt, führt er vor der letzten Frage mit großem Vorsprung. Diese letzte Frage lautet: »Was ist der beste Weg nach Inari? « Hannes zögert. Statt die kürzeste Verbindung anzugeben, nennt er die schönste, den Weg über Haparanda, den Sirpa ihm genannt hat. Die Antwort kostet ihm den Sieg, denn wie Hannes weiß, bedeutet der »beste« Weg für die Preisrichter »der kürzeste«. Doch mit Sirpa im

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Publikum kann Hannes den kürzesten Weg nicht länger für den besten halten. Er verliert den Wettkampf, auf den er sich so lange vorbereitet hat — aber er erobert Sirpas Herz! Das menschliche Leben ist nicht auf Abkürzungen programmiert. Wer Umwege geht, so heißt es, sieht mehr von der Landschaft. Und »das Schicksal erkennt man«, wie der österreichische Dichter Radek Knapp so schön sagt, »an seiner Undurchschaubarkeit«. Mag sein, dass viele Menschen oft den bequemsten Weg suchen. Doch andere besteigen in ihrer Freizeit Berge, kämpfen sich durch den Regenwald oder bestreiten Marathonläufe. Und sicher, häufig suchen wir das, was uns ein schnelles Vergnügen bereitet, und meiden das, was Anstrengungen und Mühe kostet. Doch Wert und Sinn messen wir oft genau den Tätigkeiten und Erfahrungen hei, die gern de nicht mühelos waren. Dass der beste Weg nicht zwingend der kürzeste oder effektivste ist, ist eine wichtige Maxime, die uns im digitalen Zeitalter vor schlechten Kittscheidungen bewahrt. Denn unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft werden durch all die technischen Möglichkeiten gleichsam bombardiert Mit Hellen Abkürzungen. Sie versprechen die maximale Steigerung der Effizienz, die beste Selbstkontrolle und die smarteste Lösung für alle Probleme. So etwa hat der Online-Handel große Vor-teile. Im Internet zu bestellen spart die Zeit, die man brauchen würde, um in ein Geschäft zu gehen. Es ermöglicht viel bessere Vergleiche von Produkt und Preis, und man muss das Gekaufte nicht mitschleppen. Also, in Zukunft alles online bestellen? Ich nehme mich selbst als Beispiel. Ich sammle antiquarische Bücher, vornehmlich aus den 18. und 19. Jahrhundert. Warum tue ich das? Nun, ich liebe nicht nur den Geruch, das Aussehen und die Haptik alter Bücher, sondern auch alles, was mit dem Sammeln zu tun hat; in einer fremden Stadt nach An-

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tiquariaten zu suchen, die mitunter recht kauzigen Antiquare kennenzulernen, die Unordnung in vielen alten Bücherstuben und die Entdecker- und Finderfreude in dieser abgeschlosse-nen Welt. Ich liebe die Atmosphäre und bin stolz, wenn es mir gelingt, völlig zufällig ein Buch zu finden, das ich haben möchte. Der Online-Handel nimmt mir all diese Erlebnisse ab, und die Antiquariate in den Städten sterben aus. Im Internet fin-de ich nun, was ich suche, wohlgeordnet nach Zustand und Preis. Niemals kaufe ich jetzt ein Buch zu teuer. Doch wenn all das fehlt, weswegen ich überhaupt angefangen habe, alte Bücher zu sammeln, warum sollte ich es dann noch weiter tun? Wenn der kürzeste Weg mir die ganze Reise erspart, verschwindet zugleich die Aufbruchsstimmung! Und gilt Ähnli-ches nicht auch für Kleidung? Die Schuhe, die ich mir in Rom gekauft habe, verlieren sofort ihre Besonderheit, wenn ich sie auch online bestellen kann. Nichts findet sich mehr nirgend-wo, was es nur dort gibt. Es ist nicht schwer, diese Welt hoch-zurechnen. Wozu braucht es noch Geschäfte in den Innenstädten, wenn jeder ohnehin im Netz bestellt? Und wie sähe eine Innenstadt ohne Läden aus? Vielleich sähe sie aus wie Marl, die nicht ganz so berühmte Stadt im nördlichen Ruhrgebiet. Die Stadtväter hielten es in den Siebzigerjahren für eine klu-ge Idee, den Marler Stern zu errichten, das größte innerstädtische Shoppingcenter in Nordrhein-Westfalen. Nachdem der »Stern« 1974 eröffnet wurde, versteppte schlagartig die Marler Innenstadt. Noch in den Neunzigerjahren fanden sich Ge-schäfte, deren Schaufenster mit Paletten zugenagelt waren. Die Marler Innenstadt war über kurz mausetot. Dass inzwi-schen der »Stern«, das Gebäude mit dem größten Luftkissendach des Kontinents, fast genauso tot ist wie die Innenstadt, macht die traurige Geschichte nicht besser. Für Bewohner des Silicon Valley ist der Verlust an urba-

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ner Kultur keiner — dort gibt es ja ohnehin keine. Und Geeks gehören gemeinhin auch nicht zu den Menschen, die Innen-städte mit buntem Leben bereichern. Das Silicon Valley ist weitgehend urbanes Ödland auf dem Gebiet ehemaliger Obst-plantagen. Für seine Bewohner ist die Stadt als Forum, als Begegnungsstätte, als Ort des Einkaufens und Flanierens, der absichtsvollen und zufälligen Begegnungen im digitalen Zeitalter nicht mehr notwendig. Man erledigt ja nichts mehr selbst: Das Essen wird geliefert, man hat einen Fahrer, keiner wäscht mehr selbst, und für Flirten und Sex gibt es Portale, Apps und Filme. Dass urbane Metropolen sich weit jenseits des Landstrichs zwischen San Francisco und San Jose gleichwohl größter Attraktivität sogar bei jungen Menschen erfreuen, ist deshalb umso erfreulicher. Berlin dürfte davon auch in der Zukunft stark profitieren. Hier wollen weit mehr junge US-Amerikaner leben als in Palo Alto! Mannheim, Halle und Wupper-tal dagegen profitieren weniger. Allerdings schafft der grassierende Online-Handel nichts völlig Neues. Er verstärkt nur eine Tendenz, die schon in den Achtziger- und Neunzigerjah-ren begann. Der alteingesessene qualifizierte Einzelhandel verschwindet aus den Städten, und internationale Ketten treten an seine Stelle. Wer in zwanzig Jahren noch lebenswerte Klein- und Mittelstädte in Deutschland will, braucht kluge Kommunalpo-litiker. Es kann nicht schaden, sich rechtzeitig zu fragen, ob man wirklich volldigitalisierte Supermärkte in seiner Stadt haben will. Ein kleiner Vergleich zwischen einem provenzalischen Wochenmarkt und einem verkäuferfreien Supermarkt mit ständig wechselnden Preisen reicht aus, um sich darüber im Klaren zu sein, was Menschen anregt und erfreut. Völlige Sterilität ist im OP-Saal eine Notwendigkeit, beim Einkaufen

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nicht. Unübersichtlichkeit weckt die Entdeckerfreude. Und einem Menschen etwas abzukaufen ist definitiv nicht das Gleiche wie einem Roboter. In Fragen wie diesen sind wir im Jahr 2018 noch Suchende. Wo ist der Einsatz digitaler Technik eine Lebensbereicherung, und wo führt er in die Ödnis? Sicher ist es für körperbehinderte und ältere Menschen gut, einen Kühlschrank im Hause zu haben, der selbstständig nachbestellt, was an grundlegenden Lebensmitteln fehlt, und diese entsprechend aufnimmt; allerdings nur dann, wenn es die Angehörigen nicht von ihrer gefühlten Verpflichtung entbindet, sich weiterhin zu kümmern und zu sorgen. Dass selbst Menschen, die es nicht benötigen, einem »denkenden Zuhause« entgegenfiebern, ist ihr gutes Recht; wenn es auch gerne für Schmunzeln sorgt. Eine Woh-nung, deren Beleuchtung sich durch permanente Auswertung medizinischer Daten der Stimmung ihrer Bewohner anpasst wie die Filmeinstellungen im Kino, mag manchem reizvoll erscheinen. Ob es allerdings wirklich sexy ist, zum Candle-Light mit Partner in der Badewanne die entsprechende Beleuchtung bereits vorzufinden, oder nicht doch romantischer, eigenhändig Kerzen anzuzünden und die Stimmung selbst zu inszenieren, mag jeder für sich entscheiden. Und nicht jeder träumt von vier Wänden, die im Fall einer Depression die ei-gene Düsternis optisch widerspiegeln und dazu Werbeange-bote für Räucherstäbchen oder Antidepressiva auf die Tapete projizieren. Nicht alles, was perfektionierbar ist, muss perfektioniert werden. Und manches technisch Verbesserbare wird durch die technische Verbesserung lebensqualitativ nicht besser, sondern schlechter. Einige Dinge, wie etwa der Fußball, leben so-gar von einer Artistik des Misslingens. In den allermeisten Fällen gelingt ein Angriff nicht, sondern wird rechtzeitig un-

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terbunden oder führt zu einem schlechten Abschluss. Wäre jeder Schuss ein Treffer, wäre das Spiel reizlos. Gerade das macht den Fußball zu einer so schönen Metapher des Lebens, wo die Erfolge, die Höhepunkte, das Spektakuläre und Außergewöhnliche die Ausnahme sind und nicht die Regel. Auf einen solchen Normalzustand sind Menschen seit Hundert-tausenden von Jahren offensichtlich ausgerichtet. Wer daran grundsätzlich etwas ändern will, muss nicht nur, die Lebensumstände ändern, sondern auch den Menschen — mit äußerst ungewissen Folgen. Experimente mit Drogen und Medika-menten, die die biochemische Werkseinstellung des Menschen aufmischen, sprechen hier eine deutliche Sprache. Nichts davon schafft eine neue innere Balance, sondern stets nur eine zeitweilige Verschiebung mit Gegenreaktionen oder Abhän-gigkeit. Nicht alles, was vorgibt, mit digitalen Mitteln ein Problem zu lösen, löst überhaupt ein Problem. Deshalb ist es nicht un-interessant, echte Probleme von unechten zu unterscheiden. Zu den besonders ungeeigneten Feldern der Effizienzsteige-rung gehört sicher die Kunst. Sie ist, geradezu per Definition, das Andere der Effizienz. Man denke an das schöne Büchlein des Schweizer Künstlers Ursus Wehrli Kunst aufräumen. Berühmte Werke der Malerei werden darin sorgfältig in ihre Einzelteile — Menschen, Striche, Farben — zerlegt und sortiert, bis alles hübsch ordentlich gestapelt ist. In ähnlicher Weise sortieren die Online-Angebote der Zeitungen ihre Artikel nach individuellen Leserinteressen. Man bekommt, fein aufgeräumt, immer das zu lesen, was einen ohnehin interessiert oder früher interessiert hat. Allzu stark Abweichendes verschwindet dagegen aus dem Blickfeld. Das ist wunderbar effizient — zumindest, wenn man es für effizient ansieht, bestehende Interessen zu verstärken und neue nicht zu wecken. Teure Filme werden

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in Hollywood schon jetzt von einem Testpublikum vorgefiltert und auf emotionale und dramaturgische Effizienz überprüft. Misst man die Stimmung des Testpublikums digital, so geht das in Zukunft noch genauer. Die Dramaturgie erfolgreicher Filme ist ohnehin schon algorithmiert, die Werke Rembrandts auch, und mit Büchern ist es am leichtesten. Ob man in Zukunft noch Drehbuchschreiber oder Romanautoren braucht, wird von manchen Geeks inzwischen bestritten. Alles perfekt und nichts mehr überraschend — wenn es wirklich so kommt, braucht niemand mehr Kunst. Ist es nicht ihre Aufgabe, die Formel der Erfahrung zu sprengen und Aufstand gegen die kulturelle Norm zu sein? Zumindest Kunsttheoretiker haben das jahrzehntelang behauptet. Aber vielleicht ist jene Kunstform in der perfekten Welt nicht mehr nötig? Auch die Kunst des Stalinismus sollte keine Erfahrungen sprengen, sondern ein unveränderliches Ordnungssystem auf dramaturgisch überwältigende Weise bestätigen. Bereits jetzt sprengt eine Van-Gogh-Ausstellung oder ein Mozart-Konzert kaum jemandes Erfahrung mehr auf. Und die Konzerthäuser, Opern und Theater spielen vor allem das, was bei der Masse ankommt. Mit digitalen Techniken lässt sich die Befindlichkeit des Publikums noch weit genauer ablesen und voraussagen. Kultur und Kunst werden zur Bestätigung des Immergleichen — eine Tendenz, die seit den Neunzigerjahren besteht und Intendanten, Ausstellungsmacher und Regisseure schon lange verzweifeln lässt. Gar nicht zu reden von der Monokultur der Fernsehangebote, denen die Digitalisierung erlaubt, Quoten und Zielgruppen noch besser zu messen als zuvor. Die Abhängigkeit des Programms von solchen Erhebungen ist inzwischen so groß, dass eine ganze Garde von Programmverantwortlichen wahrscheinlich nicht entfernt wüsste, was sie ausstrahlen tollten, wenn man keine Quoten mehr messen würde.

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Steht das Erfassen von Daten hier tatsächlich im Dienste von Kunst und Kultur? Oder definieren wir umgekehrt das als sehens-, Wallis- und lesenswert, was »ankommt«? Digitale Datenerfassung mag in vielen Bereichen zum Fortschritt führen, im Bereich der Kultur und der Kunst zeichnet sich das Gegenteil ab: Innovationsfeindlichkeit und Stagnation. Und sie verstärkt damit genau jene Tendenz, die durch den vermeintlichen Sparzwang der Kommunen im Zeitalter neoliberaler Kulturpolitik ohnehin schon da ist. Vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Publikum und dem Massengeschmack haben Kunst und Kultur jedenfalls noch nie vorangebracht. Wer seine Kunst und Kultur nicht »aufgeräumt« haben will, der wird in der Gesellschaft der Zukunft weit mehr dafür tun müssen als bisher. Denn je starker der Effizienzgedanke unser Leben bestimmt, umso mehr müssen wir uns für Räume einsetzen, die wir bewusst davon freihalten. Das Unkonventionelle zu fördern und Qualitat nicht nach Quantität zu bemessen ist ein wichtiger Auftrag an alle Verantwortlichen für Kunst und Kultur. Denn gerade diese Bereiche folgen definitiv nicht dem Schema von »Problem« und »Lösung«. In einer positiven Utopie braucht Deutschland eine andere Kulturpolitik, die nicht das Alte, das Bestehende und Etab-lierte fördert, sondern das Kleine, das Unkonventionelle, das Schräge. Wenn in Zukunft viele Menschen nicht mehr von Erwerbsarbeit leben, ist es wichtig, dass sich so viele von ihnen wie möglich lebenskünstlerisch entfalten können. Wie schön, wenn das Deutschland der Zukunft einmal tatsächlich das Land der Dichter und Denker sein würde und nicht das der Gammler und Gamer! Doch der dunkle Schatten der Nützlichkeit und des wirtschaftlichen Erfolgs, den der Neoliberalismus geworfen hat, liegt noch immer schwer auf der Kultur. Ich erinnere mich an

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eine Veranstaltung zum Thema Wirtschaft, Kultur und Kreativität 2016 in Essen. Eine der Vortragenden entschied bei der Hamburg Kreativ Gesellschaft darüber, welche jungen Leute mit neuen Ideen von der Stadt gefördert werden sollten und welche nicht. Dabei sagte sie gleich zu Anfang ihres Vortrags: »Ich frage immer als Erstes: Welches Problem wollen Sie lösen?« Ich musste zweimal hinhören. Was für eine seltsame Frage für eine Kreativbeauftragte! Welches Problem hat Velázquez gelöst? Welches Mozart? Und welches Franz Kafka? Doch wie das Beispiel zeigt, hat der mathematisch-technische Begriff von Kreativität bei vielen, selbst denen, die es von Be-rufs wegen besser wissen müssten, alle anderen Vorstellungen von Kreativität erstickt. Dabei ist Kreativität in den meisten Fällen des Lebens das, was man einsetzt, wenn man eben nicht ganz genau weiß, was dabei herauskommen soll. Das Schema »Problem« und »Lösung« bringt uns in vielen Fragen mensch-licher Kreativität nicht weiter. Oder anders gesagt: Alle reden von Lösungen - Philosophen nicht! Ein weiteres Beispiel, das das Schema von »Problem« und »Lösung« sprengt, ist das Kochen. Auf einer Veranstaltung in Bonn, organisiert durch eine große Bank, hatte ich das Vergnügen, einem der Samwer-Brüder zu lauschen, Mitinhaber des Beteiligungsunternehmens Rocket Internet für digitale Projekte. Der smarte junge Entrepreneur erzählte dabei von den Häusern der Zukunft. Das besonders Schöne an ihnen sei: Man brauche keine Küchen mehr! Ein smarter Kühl-schrank genügt, den Rest liefern die Drohnen aus dem Supermarkt oder aus der Küche eines Feinschmecker-Restaurants. Auf meine Frage, was man denn damit gewänne, meinte er: „Zeit.« Doch auf meine Nachfrage, was man denn mit der gewonnenen Zeit anfangen sollte, hatte er keine passende Ant wart. Dass es Menschen gibt, für die gemeinsames Kochen

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eine weit erfülltere Zeit ist, als auf dem Sofa sitzend Computerspiele zu zocken oder Online-Bestellungen aufzugeben, lag offensichtlich außerhalb seiner Fantasie. Manche Soziobiolo-gen behaupten, die menschliche Kooperation und Gesellig-keit sei dadurch entstanden, dass niemand ein Mammut alleine jagen kann. Und vielleicht ist auch tatsächlich etwas dran. Mindestens ebenso wichtig aber scheint zu sein, dass auch nie-mand ein Mammut alleine aufessen kann! Und wahrscheinlich ist das der Grund, dass die meisten Menschen lieber gesellig kochen und in Gemeinschaft essen — einige Nerds und Geeks einmal ausgenommen.

Was die digitale Technik bringt, kann also sowohl ein Rück-schritt als auch ein Fortschritt sein. Beginnen wir zunächst mit den Gefahren des kulturellen Rückschritts. Viele visionäre Ideen, die aus dem Silicon Valley kommen, sind bei näherer Hinsicht keine. Nicht wenigen mangelt es an Menschenkenntnis. Und ersonnen wird, was die Technologie hergibt, und nicht, was viele Menschen oder die Gesellschaft dringend brauchen. Vieles, was sich technisch perfektionie-ren lässt, muss und sollte, wie gesagt, gar nicht perfektioniert werden — jedenfalls nicht, ohne damit Folgen zu produzieren, die niemand im Sinn hat und keiner tragen will. Man stelle sich des Ernstes halber einmal eine Gesellschaft vor, in der alles effizient und perfekt optimiert ist — was kommt eigentlich dann? Nichts kann mehr verändert oder variiert werden, ohne die Dinge weniger effizient zu machen. Und was bedeutet es eigentlich, Effizienz als höchsten Maßstab anzulegen? Der effizienteste Zustand des Menschen, die perfekteste »Lösung« aller Lebensprobleme ist — der Tod: der Zustand, in dem man sich nicht mehr bewegen muss, keine Energie mehr

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verbraucht, sich nicht mehr anstrengen muss und von allen Wirrnissen und Unbilden des Lebens befreit ist. Eine bessere Lösung als den Tod gibt es nicht, er ist der smarteste Zustand des Menschen. Das Leben aber ist nicht smart. Es ist wider-ständig, unberechenbar, unausgegoren und uneindeutig — und gerade das macht es lebenswert und aufregend! Eine menschenfreundliche Utopie für das digitale Zeitalter muss genau hier ansetzen. Sie muss den Blick dafür schärfen, welcher technische Fortschritt erstrebenswert ist und welcher nicht. Dass man sich gegenwärtig anschickt, Personalchefs durch Software zu ersetzen, wird sicher als Schnapsidee in die Geschichte eingehen. Im Zweifelsfall eröffnet es neue Berufs-felder für »Exnovateure« und »Reanalogisierungsbeauftrag-te«, die den Unsinn wieder rückgängig machen. Denn wen der Computer als optimale Besetzung errechnet, muss nicht zu den Menschen passen, mit denen er zusammenarbeitet! Hier wird derzeit viel alkoholfreies Bier verkauft, an dem man sich nicht berauschen kann. Schlimmer dagegen sind Abkürzungen, die sich später als gefährlich erweisen. So wurde in den USA zwischen 1997 und 2007 jedes dritte (1 ) Kleinkind durch CDs und DVDs dabei unterstützt, seine Muttersprache zu lernen. Mithilfe von »Brainy Baby« und »Baby Einstein« sollten die lieben Kleinen best-möglich trainiert werden. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Bei wissenschaftlichen Tests schnitten die solchermaßen trainierten Kleinkinder auffallend schlecht ab.61 Um seine Mut-tersprache zu erlernen, reagiert das Kind nicht nur auf Wor-te, sondern ebenso sehr auf Augenkontakt, Mimik, Gesten und Zuwendungen. Die nonverbale Kommunikation ist beim Menschen mindestens so wichtig wie die verbale — nicht anders als bei allen anderen Primaten auch. Konzerne wie Disney erwirtschafteten mit derartigen Lern-

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produkten 400 Million US-Dollar Gewinn und hinterließen ein desaströses Ergebnis bei den betroffenen Kindern. Das Beispiel ist ein hübscher Beleg dafür, wie der Glaube an eine neue Technologie, die eine Erleichterung oder Abkürzung verspricht, schnell zu einem Objektivitätsschaden führen kann. Und es zeigt auch, dass der Hinweis darauf, dass Menschen ein Produkt kaufen, annehmen oder begrüßen, nicht alleiniger Maßstab dafür sein kann, dass es gutzuheißen ist. Überall da, wo typisch Menschliches und psychologisch Bedeutsames durch Technik ersetzt wird, drohen unübersehbare Folgen. Der ziemlich verlässliche Kompass dabei ist: Wird eine psychologische Bedeutsamkeit durch die Technik unterstützt, oder wird sie ersetzt? Ersteres kann oft nützlich sein, Letzteres ist meist gefährlich. Der Mensch ist ein seltsames Wesen. Das Lebensglück braucht den Widerspruch und den Widerstand. Kaum jemand hat das so schön gezeigt wie der US-amerikanische Philosoph Robert Nozick. Im Jahr 1974 stellte er seinen Lesern die Idee einer »Erlebnismaschine« vor (62) Geniale Neuropsychologen haben eine Maschine entwickelt, die es uns ermöglicht, in eine ideale Wunschwelt einzutauchen. Die Illusion ist so per-fekt, dass wir sie nicht von der Realität unterscheiden können. Alles, was wir erfahren, erscheint uns völlig real. All unsere Wünsche gehen in dieser Welt in Erfüllung, alles ist perfekt und genau so, wie wir es haben wollen. Würden wir in diese Maschine steigen? Nozick war der Ansicht, dass die meisten es sicher nicht tun würden. Bei einem Vortrag vor rund tausend IT-Entwicklern in München im Februar 2018 entschied sich auf meine entsprechende Frage nur ein Zehntel des Publikums dafür, sein Leben gegen das in der Erlebnismaschine zu tauschen. Wahrscheinlich erschraken die meisten vor der Vorstellung, in einer

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perfekten Illusion zu leben. Und vermutlich würde es ihnen nicht mal gefallen, dass alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Irgendetwas erscheint uns faul daran. Aber wenn das so ist, dann bedeutet dies vor allem eines: dass es im menschlichen Leben Wichtigeres gibt als das vollkommene Glück. Das Erschreckende ist jedoch, dass wir möglicherweise trotzdem alle in Nozicks Erlebnismaschine steigen. Und zwar nicht in Form eines großen Sprungs, eines gewagten Schritts, sondern in tau-send kleinen Schritten. Keiner davon kommt uns besonders riskant oder spektakulär vor. Früher hat es den Menschen gereicht, die Realität zu betrachten. Es gab so viel Staunenswertes in ihr! Kinder interessierten sich für Dinosaurier, von denen sie nichts kannten als Knochen im Museum und gemalte Abbildungen. Das Leben der Indianer und Piraten begeisterte sie, ein Zoobesuch war ein Erlebnis, und Lokomotiven, Autos und Flugzeuge waren faszinierend. Für viele Zehnjährige im Westeuropa des 21. Jahrhunderts ist all das inzwischen ziemlich langweilig. Sie haben sich längst an schnell geschnittene Filme und die perfekte Illusion von Spielwelten gewöhnt. Und die Realität kommt nur selten dagegen an. In Zukunft können sie sogar völlig in einer »Mixed Reality« leben. Und wenn das Leben nicht reicht, und das könnte dann immer öfter sein, können sie mit ihren Virtual-Reality-Helmen oder holografischen Brillen in ein Paralleluniversum abtauchen. Ihre Alltagsexistenz färbt sich langsam und unsichtbar um. Und für all das muss man sich nicht anstrengen. Man muss nichts können, erkunden oder irgendwo ins kalte Wasser springen, wie es so viele Zehnjährige über Generationen hinweg getan haben. All das erledigen nun Apps. Ihren eigenen Kindern werden sie nicht viel zu erzählen haben über das, was sie als Kind so gemacht haben. Eigene Welten, auf die sie zurückschauen können, ha-

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ben sie nicht; nur fremde. Der emotionale, kreative und moralische Grundstock, den man sich als Heranwachsender für sein Leben erwirbt, tendiert gegen null. Alles im Leben war vorgefertigt, nichts selbst erlebt. Und am Ende ist man so faul und ungeduldig, wie die Werbewirtschaft ihre Kunden braucht — ein Mensch, der eher auf sein Wahlrecht verzichten würde als auf sein Smartphone oder ein neues Zaubergerät, mit dem er in Zukunft verbunden ist. Ob solche Kinder die Mehrheit werden oder doch nur eine Minderheit bleiben, ist 2018 noch nicht entschieden. Eine Utopie der Menschlichkeit im digitalen Zeitalter setzt sich deshalb das Ziel, Autonomie zu bewahren. Es ist ein Wert, Dinge selbst zu können und über Fähigkeiten und Fertigkei-ten zu verfügen, ob nun handwerklich, moralisch oder in der gesamten Lebensorientierung. Ein betreutes Leben jedenfalls, in dem einem alles abgenommen wird, das Praktische ebenso wie das Erleben von Außergewöhnlichem, ist kein Menschheitsfortschritt. Statt mit Supermenschen hätten wir es mit Menschen zu tun, die sich nie allzu weit über das Kindheits-stadium hinaus entwickeln, weil sie es nicht müssen. Große Philosophen der Aufklärung wie Kant, Schiller und Herder haben dagegen argumentiert, sich ins Paradies der Unmündigkeit zu träumen. Eine Gesellschaft der Lustbe-friedigung und Leidvermeidung erschien ihnen nicht erstrebenswert. Freiheit — ihr großer Wert — besteht nicht in einer Abkürzung zum Glück. Nicht das Paradies mit einem unmün-digen Menschen war ihr Ziel, sondern ein Mensch, der sich im Fortschritt seiner Kultur tätig am Leben abarbeitet und dabei reift. Frei zu sein bedeutet, Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen zu übernehmen, nicht, sich betreuen zu las-sen. Wo der technische Fortschritt dazu führt, dass wir immer weniger Verantwortung für uns übernehmen müssen, wider-

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spricht er der Grundvorstellung unserer Gesellschaft, auf der unsere Verfassung beruht: dem mündigen Bürger! Auch im Jahr 2018 verstehen viele Menschen ganz intuitiv, was damit gemeint ist. Ein Leben nur aus schönen Tagen ist wahrscheinlich nicht allzu lebenswert; seine irreparable Folge ist der Überdruss. Viel Zeit zu haben ist schön — aber nur, wenn man eigentlich was zu tun hätte. Und Befriedigung ist etwas anderes als Lebenssinn. Dass es im Leben immer um Effizienz geht, um den kürzesten Weg und die maximale Befriedigung, ist eine einseitige Übertreibung dessen, was der Mensch ist und worauf es im Leben ankommt. Vergleichbare Fragen stellen sich ebenso für die deutsche Wirtschaft. Nicht alles, was im Silicon Valley (oft nur kurzfristig) erfolgreich ist, ist in Deutschland ein gutes Geschäftsmodell. Man kann sich heute kaum genug über all jene Topmanager amüsieren, die vor Jahren in Nadelstreifen ins Valley zogen und als Vollbärte in Kapuzenpullovern zurückkamen. Nicht anders hatte man in den Siebziger- und Achtzigerjahren versucht, die Philosophie der japanischen Wirtschaft zu kopieren. Dass Japans ehemals schillerndes Erfolgsmodell effektiver Arbeit nach dem Prinzip des Kaizen (»Wandel zum Besseren«) das Land nicht vor anschließender Stagnation und Rezession bewahrt hat, sollte man nicht so schnell vergessen. Man sollte sich mithin gut überlegen, den Trends des Augenblicks allzu gutgläubig und gehorsam hinterherzulaufen. Dass es in Deutschland an einer »Fehlerkultur« mangelt, ist sicher richtig. Aber erstens ist es mit der vermeintlichen Kultur des Schei-terns im Silicon Valley nicht so weit her, wie auf den Podien der deutschen Wirtschaft oft behauptet wird. Und zweitens ist es gewiss nicht falsch, fragwürdigen Geschäftsmodellen mit gesunder Skepsis zu begegnen. Die deutsche Unternehmens-kultur ist nicht zu Unrecht weltweit geachtet; das Qualitäts-

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siegel deutscher Produkte ist höher als das der US-amerikanischen. Und eine Gesellschaft, deren wirtschaftliches Rückgrat der Mittelstand ist, hat andere Sitten, Gebräuche, Traditionen und Erfolgsmodelle als ein Land, das von wenigen großen Unternehmen beherrscht wird. Auch spielt für die deutsche Wirtschaft die Konsumgüterindustrie nur eine vergleichbar geringe Rolle. Und bestimmte Geschäftsmodelle und Unternehmenskulturen, die sich in Deutschland seit zwei Jahrhunderten bewährt haben, gibt es in den USA gar nicht. Man denke nur an die Volks- und Raiffeisenbanken und die Sparkassen, deren Geldgeschäfte dem Prinzip der Genossenschaft oder regiona-ler Gemeinnützigkeit unterliegen. Sie durch Blockchains oder FinTechs zu ersetzen ist nicht nur ein anderes Geschäftsmodell, sondern ein tief greifender Kulturwandel weg vom Prinzip der Gegenseitigkeit und der Förderung von Städten und Kreisen. All das befreit die deutsche Wirtschaft nicht davon, kreative Geschäftsmodelle zu entwickeln und die neuen digitalen Techniken bestmöglich einzusetzen. Man denke nur an die Energie- und Umwelttechnik, an die Müllentsorgung, aber auch an viele weitere Geschäftsfelder. Zwei davon wollen wir ein wenig genauer betrachten. Zwei Felder, auf denen sich der Reiz des Unvorhergesehenen in sehr engen Grenzen hält. Gerade das macht sie, im Sinne einer humanen Utopie, besonders wichtig und attraktiv.

Es gibt nichts Gutes und Bewahrenswertes an Verkehrstoten und tödlichen Krankheiten. Was wir davon in Zukunft verhindern können, ist erstrebenswert. Und in beiden Bereichen lässt sich in Zukunft viel von digitaler Technik erwarten. Beginnen wir mit der Zukunft des Verkehrs. Dass der fe-

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tischisierte Individualverkehr, wie er unsere Groß- und Mit-telstädte verstopft, keine lange Zukunft mehr vor sich hat, ist eine gute Nachricht. Seit sich die meisten Deutschen ein Auto, oft noch einen Zweitwagen leisten können, sind die Verkehrsprobleme immer größer geworden. In Deutschland gab es im Jahr 2017 über dreitausend Verkehrstote und fast 400 000 Verletzte. Im Vergleich dazu lag die Zahl der Menschen, die in Deutschland 2016 ermordet wurden, bei drei-hundertdreiundsiebzig!" In den Jahren 2015 und 2016 starben in ganz Westeuropa hundertfünfzig Menschen an den Folgen terroristischer Anschläge. In dieser Lage ist das Versprechen, den Verkehr auf deutschen Straßen sehr viel sicherer zu machen, ein Segen. Mehr Mobilität in der Zukunft bedeutet weniger Verkehr. Denn je mehr Verkehr auf deutschen Straßen, umso eingeschränkter ist die Bewegungsfreiheit des Einzelnen. Die Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge — der Begriff »autonomes Fahren« ist irreführend, denn man fährt gerade nicht mehr selbst, also autonom — kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Diese selbstfahrenden Fahrzeuge, die bereits vereinzelt in den USA an der West- und Ostküste fahren, sind als Statussymbole unbrauchbar. Leise Elektrofahrzeuge mit schlichter, leichter Karosserie bieten sich nicht dazu an, sie mit Fuchsschwänzen auszustatten, sie laut aufheulen zu lassen oder Nachbar und Nachbarin zu beeindrucken. Das Auto wird zum reinen Nutzfahrzeug und deshalb vermutlich auch nur selten privat gekauft, jedenfalls nicht in großen Städten. Stattdessen lädt man eine entsprechende App herunter, bezahlt einen entsprechenden Tarif und hat jederzeit und an jedem Ort einer Großstadtregion Zugriff auf ein solches selbst-fahrendes Fahrzeug. Was sind die Folgen? Weltweit existieren mehr als eine

190 Milliarde Autos, die alle viel Energie verbrauchen und die Luft verpesten. In Zukunft aber werden nur noch diejenigen Fahrzeuge benötigt, die auch in Betrieb sind (und eine kleine Reserve). In der heutigen Welt stehen Kraftfahrzeuge in erster Linie herum. Die ganze Nacht über auf einem Parkplatz und bei vielen, die mit dem Auto zur Arbeit fahren, ebenso tagsüber. Schätzungen zufolge würde damit, zumindest in den Städten, nur noch ein Fünftel der heutigen Zahl an Autos gebraucht." Parkstreifen werden weitgehend überflüssig und können hübsch begrünt oder für die Gastronomie genutzt werden. Die Autos kommen aus zentralen Tiefgaragen oder wechseln wegesparend ihren Fahrgast. Ein stärkeres dörfliches Flair zieht in unsere Großstädte ein; ein bisschen so wie auf den Kupferstichen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Stadt wird leiser, grüner und vor allem: sicherer! Mehr als 90 Prozent aller Verkehrsunfälle gehen auf menschliches Versa-gen zurück. Bei selbstfahrenden Autos könnten sie gegen null tendieren. Den Kindern der Zukunft muss nicht mehr ganz so scharf eingetrichtert werden, was jedes deutsche Kind lernen musste: große Angst vor Autos und Verkehr zu haben! Staus können weitgehend vermieden werden, und die Schadstoff-emissionen sinken beträchtlich. Was für ein Zugewinn an Lebensqualität! Was ist der Preis dafür? Der Deutsche müsste seine in den fernen Jahren des Wirtschaftswunders lieb gewonnene Passion, sich über sein Auto zu definieren, aufgeben. Allerdings ist der Prozess schon längst im Gange. Die Anzahl junger Menschen in Deutschland, deren Identität etwas mit ihrem Auto zu tun hat, hat rapide abgenommen. Ein Mittelklassewagen taugt kaum noch noch als Statussymbol. Allenfalls Sportwagen und SUVs erfreuen sich noch einer gewissen Statusbe-liebtheit. Doch gerade SUVs sind ein schönes Beispiel für die

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Sackgasse des Statuskults. Noch größer kann ein Personenkraftwagen kaum werden, ohne anschließend nicht mehr in eine Tiefgarage fahren zu können oder andere Verkehrsteilnehmer zu behindern. Es scheint, als tanzten die SUV-Fahrer ein letztes Mal auf dem Vulkan, indem sie Autos fahren, deren Energieverbrauch die Lebensgrundlagen ihrer Kinder ruiniert. Um dieses Statussymbol des ökologischen Gefahrenindustrialismus ist es nicht schade. Nie waren die Dinosaurier so groß wie in der Kreidezeit — kurz bevor sie ausstarben! Der Meteoriteneinschlag wird Deutschland nicht verschonen. Denn selbstfahrende Autos sind ebenso wenig für die Bundesrepublik konzipiert wie das Smartphone. Stattdessen haben wir es mit globalen Entwicklungen zu tun, die über-all greifen werden, völlig unabhängig von dem Willen einzelner Parteien oder dem Unwillen einzelner Verbände. Über das selbstfahrende Auto wird in Deutschland nicht in Wahlen entschieden werden. Dass es noch ein paar Probleme bis zum flächendeckenden Einsatz solcher Robocars gibt, darf darü-ber nicht hinwegtäuschen, dass sie wohl schon recht bald auf deutschen Straßen fahren werden. Was gegenwärtig im Weg steht, sind auch keine Versicherungs- und Haftungsfragen —die lassen sich lösen. Keiner der in Zukunft existenzgefährdeten Kfz-Versicherer wird sich das Geschäft entgehen lassen. Auch die ethischen Fragen, etwa die, wie ein selbstfahrendes Auto beim Ausweichen programmiert sein soll, halten den Verkehr der Zukunft nicht auf. Man muss sich nur von dem Gedanken verabschieden, dass ein selbstfahrendes Auto »lernen« soll. Noch soll jede schwierige Verkehrssituation als Lernerfahrung die Software verändern. Um diese zu kontrollieren, bedarf es einer Überwachungssoftware, die wiederum von anderer Software überwacht wird. Und auch dieses Softwaresystem soll lernfähig sein. Am Ende steht eine Verkehrs-

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software, die niemand so programmiert hat und die außer Kontrolle gerät. Dass das keine allzu gute Idee ist, ist klar. Die Frage ist, warum die Software im Auto tatsächlich lernen soll und muss? Wenn ein Auto in einer schwierigen Verkehrs-situation ausweichen muss, sollte man gar nicht erst versu-chen, es »ethisch« zu programmieren. Eine rein technische Lösung ist viel besser: Fahrer schützen, nach rechts auswei-chen, wenn das nicht geht, nach links. Solange man das Auto nicht mit einer Sensortechnik zur Gesichtserkennung ausstat-tet, die Personen nach Alter, Geschlecht und so weiter erkennt (und man muss ja nicht!), sind all die bizarren Gedankenspiele um den Lebenswert von Rentnern und Kleinkindern bei der Auto-Programmierung weitgehend gegenstandslos. Das Auto bleibt ethisch neutral, und Angst vor seinen »Lernerfahrun-gen« braucht niemand zu haben. Tatsächlich ungeklärt ist etwas anderes: Wie soll man bei smarten Autos, die immer rechtzeitig abbremsen und nie un-geduldig werden, Fußgänger — und weit dramatischer, Fahrradfahrer — daran hindern, den Verkehr zu stören, zu ignorie-ren oder zu blockieren? Das selbstfahrende Auto nimmt all das gelassen hin. Umso härter muss der Gesetzgeber darauf reagieren und die Polizei solche Verkehrsdelikte ahnden. Ein kleiner Schritt ist das nicht. Ungeklärt ist zudem der Übergang, obgleich seine Entwick-lung weitgehend vorgezeichnet sein dürfte. Selbstfahrende Autos in Leichtbauweise und harte Metallkarossen PS-starker Boliden passen nicht wirklich zusammen — nicht anders als Pferdekutschen und Autos. Als das Automobil in den Städten Einzug hielt, scheuten die Pferde. Ziemlich bald darauf waren sie verschwunden. Naheliegend, dass bald der gleiche Prozess eintritt. Die Bewohner der kinderreichen Quartiere in den Innenstädten werden nicht mehr wollen, dass »normale« Autos

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durch ihre Straßen fahren, sobald sie die Vorzüge selbstfahrender Autos erkannt und genossen haben. Stück für Stück werden die Städte für herkömmliche Pkw gesperrt, bis niemand, außer Polizei, Feuerwehr usw., noch damit herumfahren darf. Am Ende werden die herkömmlichen Selbstfahrerwagen ersetzt, und die Menschen werden wieder gefahren wie in der Zeit der Pferdekutschen. Bleibt die Frage, was eigentlich mit jenen ist, die sich den Tarif fürs selbstfahrende Auto nicht leisten können? Sie sind auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Um preislich eine echte Alternative zu sein und auch um Staus zur Rushhour zu vermeiden, sollte der ÖPNV steuerfinanziert sein und nicht durch den Verkauf von Fahrausweisen. Die Benutzung ist damit für jedermann frei, und keiner ist von einem bestimmten Geschäftsmodell abhängig. Logistisch kommt auf die Verkehrsplaner in den Städten also einiges zu, mit dem sie sich nicht früh genug befassen können, um späteres Chaos zu verhindern. Und denjenigen, die meinen, dass Autofahren zu können eine bedeutsame Kulturtechnik sei, bietet sich noch die Möglichkeit, daraus Sport zu machen. Vom Nutztier Pferd in den Städten blieb auch der Reitsport übrig. Warum sollten nicht beim Autofahren denen, die es wirklich wollen und können, entsprechende Sportgelände zur Verfügung stehen?

Kommen wir zum zweiten Feld der positiven Utopie: die Medizin. Ein ganzes Arsenal neuer Möglichkeiten tut sich auf, um Krankheiten besser vorherzusehen, frühzeitig zu erkennen und zu therapieren. Das Spektrum beginnt mit präziseren Instrumenten mit immer besserer Sensortechnik. Ultraschallgeräte können schon heute Organe hochauflösend abbilden und

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in mathematischen Funktionen grafisch darstellen. Je mehr Gesundheitsdaten, zum Beispiel Blutwerte, Anamnese, Befunde, anonymisiert gespeichert werden, umso besser lassen sich Krankheiten erforschen. Voraussetzung dafür ist eine entsprechende digitale Infrastruktur, die gleichzeitig sicherstellt, dass meine Gesundheitsdaten nur vom behandelnden Arzt mit mir persönlich in Beziehung gebracht werden können. Digitales Know-how verbessert die Diagnose und ermöglicht zugleich hochindividuelle Therapien. Statt eines Standardverfahrens hat der Patient nun die Chance, in genauer Kenntnis seines individuellen Organismus therapiert zu werden. Für Menschen mit Diabetes oder gefährlichem Bluthochdruck ist es ein Se-gen, wenn eine kleine Apparatur am Handgelenk ihren körperlichen Zustand überwacht. Angeschlossen ist sie an ein Universitätsklinikum, wo ein Computer bei jeder stärkeren Abweichung Alarm funkt und Ärzte sofort bereitstehen. Und nicht zuletzt erlauben digitalisierte und vernetzte Krankenakten dem Arzt, weniger Zeit mit Verwaltungsaufgaben zuzu-bringen. All das sind gute Nachrichten! Ob sie zu einer humaneren Medizin führen werden, liegt allerdings nicht am medizinischen Fortschritt allein. Denn wie bei jeder technischen In-novation stellt sich auch hier die Frage, wie die Gesellschaft damit umgeht, mit welchen Ideen die Veränderung flankiert wird und wie man Folgen vermeidet, die im Sinne einer guten oder gar besseren Gesellschaft nicht wünschenswert sind. Dass Menschen, die ein hohes Gesundheitsrisiko haben, sich mithilfe eines digitalen Geräts permanent überwachen lassen, ist, wie geschildert, sicher ein großer und manchmal lebensrettender Vorteil. Die Frage ist nur, ob sie die Einzigen sind, die sich in Zukunft darauf verlassen. Wo fängt ein Gesundheitsrisiko an? Und was halten die Krankenkassen da-

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von? Bekommt derjenige einen besseren Tarif, der sich auch ohne höheres Gesundheitsrisiko permanent selbst überwacht? Die Folge könnte aus einer Gesellschaft bestehen, in der Menschen einen großen Teil ihrer Zeit mit Selbstmonitoring beschäftigt sind — einer reichlich egozentrischen Beschäftigung. Sie bringt Menschen hervor, die ohne ihr digitales Helferlein schon bald nicht mehr wissen, wie krank oder wie gesund sie sind, weil der innere Kompass verloren gegangen ist. Die Abhängigkeit von einer Maschine ist für normal Gesunde nicht wünschenswert; ein solches Verhalten zu begünstigen, durch Ärzte oder Krankenkassen, noch weniger. Eine zweite Gefahr — und sie ist die größte — besteht darin, eine Sorge an Maschinen auszulagern, die besser von Men-schen getragen wird. Es wäre schon eine bittere Pointe, wenn die »personalisierte Medizin« des Digitalzeitalters dazu führt, immer weniger mit realen Personen zu tun zu haben. Gesund-heitsberatung online ist nicht das Gleiche, wie die Hände eines sorgenden und kümmernden Menschen auf der Flaut zu spüren. Und ob das mit Krankenakten gefütterte Computersystem »Watson « von IBM in jedem Fall eine bessere Diagnose stellt als ein Arzt, der seinen Patienten seit zwei oder drei Jahrzehnten kennt, steht nicht fest. Digitale Systeme können in der Medizin assistieren; gefährlich wird es, wenn sie den Arzt ersetzen sollen. Die Regel »Assistieren ja, Substituieren nein! «, die beim Einsatz von Digi-taltechnik in sozialen und ethisch relevanten Fragen gilt, gilt ganz besonders in der Medizin. Erschreckend, aber durchaus denkbar ist, wenn auch in der Medizin die messbare Seite der Welt für die Welt — das heißt die Krankenakte des Patien-ten für den Patienten selbst — gehalten wird. Das Manko der Schulmedizin, dass sie das komplexe und individuelle Zusammenspiel von Körper und Psyche oft nicht richtig in den Blick

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bekommt, könnte sich in der Medizin des Digitalzeitalters noch vergrößern. Und ob es Abhilfe schafft, wenn zudem die Psyche eines Tages in Millionen Daten zerlegt vorliegt, darf bezweifelt werden. Das Prinzip, wonach das, was ich mit meinem Datennetz nicht fangen kann, kein Fisch — das heißt kein körperlich spürbares Befinden — sein kann, könnte sich jedenfalls verschärfen. Umso wichtiger ist es, die neue segensreiche Digitaltechnik in der Medizin mit einer ebenso großen Mobilisierung an Empathie zu begleiten. Je exakter und rationaler die Technik wird, umso wichtiger wird der einfühlende und mitfühlende Arzt. Sollte es stimmen, dass die Digitalisierung Ärzten viel der Zeit spart, die sie bislang mit Bürokratie verbringen, so wäre der Boden dafür eigentlich gut bereitet. Von den Aufgaben eines zukünftigen Helfers der Menschheit war bereits die Rede. Er wird ein echter Lebenshelfer werden müssen, der sich, wie so mancher Hausarzt und manche Hausärztin alter Schule, kümmert und seine Rolle nicht an Informationsverarbeitungsprogramme abtritt. Dass es dafür eines anderen Auswahlkriteriums als des Numerus clausus für Medizinstudenten bedarf, ist ohnehin klar. Nicht die Fleißigsten oder rational Höchstbegabten werden in der Welt der realen Medizin händeringend gebraucht, sondern die Geeignetsten und Fähigsten unter den Liebevollen. Je mehr die Medizin zeigt, dass es ihr wirklich um das Wohl der Menschen geht, umso größer wird deren Vertrauen in digitale Hilfsmittel sein. Je größer der Kulturwandel in der Me-dizin, umso höher die Akzeptanz der Technik! Das Gleiche gilt ganz besonders im Bereich der Pflege. Soll man Pflege-roboter begrüßen oder verdammen? Die Frage ist im Prinzip recht einfach zu beantworten. In Japan sind Pflegeroboter eine große Sache und werden mit viel Geld gefördert. Dabei geht

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es im Wesentlichen um zwei Robotertypen: Hilfsroboter und Kuschelroboter. Hilfsroboter können wie rollende Mülleimer aussehen und den Arzt bei der Visite begleiten. In ihrem Innenraum bieten sie Platz für allerlei Gerätschaften und Krankenakten. Andere, bislang leider nicht zur Serienreife gelangte Prototypen, sollen helfen, die Bettpfanne zu wechseln, einen bewegungsunfähigen Patienten in den Rollstuhl zu hieven, oder sie sollen sich gleich selbst in einen Rollstuhl verwandeln. Kuschelroboter dagegen sind klein, leicht und flauschig und werden schon jetzt in Japan dementen Patienten und Patientinnen in den Arm gedrückt. Wenn man ihr Kunstfell krault, schnurren sie, bewegen sich und schlagen vor Vergnügen mit den Robbenflossen. Nirgendwo greift der Unterschied zwischen »Unterstützen« und »Ersetzen « so schön wie an diesem Beispiel. Der erste Robotertypus leistet eines Tages sicher gute Hilfe, nicht nur in Japan. Wer weiss, welche Mühe es macht und welche Qualen es einem Patienten bereiten kann, wenn man einen schwer Bettlägerigen in einen Rollstuhl hebt, der sieht sofort, welches echte Problem der Hilfsroboter lösen soll. Doch welches »Problem« löst der Kuschelroboter? Dass auch demenzkranke Menschen liebesbedürftig sind? Wer das für ein »Problem« hält, hat in keiner Pflegestation etwas zu suchen. Sicher lässt sich einwenden, dass der Demenzkranke den Unterschied zwischen einem echten Tier oder einem sorgenden Menschen und einem Kuschelroboter nicht merkt; genau darauf basiert ja der Einsatz. Aber damit ist die ethische Dimension der Sache nicht erfasst. Würde man es für unproblematisch und belanglos halten, wenn Menschen einen geistig Schwerstbehinderten ver-spotten? Wahrscheinlich nicht. Und zwar auch dann nicht, wenn der Betroffene gar nicht in der Lage dazu ist zu erfassen,

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dass er verspottet wird. Gleichwohl würden wir es falsch oder sogar unanständig, geschmacklos und obszön finden, sich über den geistig Schwerstbehinderten lustig zu machen. Wir empören uns allerdings weniger im Namen des Verspotteten (der es ja nicht merkt) als im Namen der Moral. Wir sind entrüstet, weil wir es grundsätzlich für moralisch falsch halten, dass Menschen geistig Schwerstbehinderte ins Lächerliche ziehen. Wir kritisieren ihre Haltung. Warum aber halten wir es dann für richtig, einen Demenzkranken in die Irre zu führen und mit einem Roboter abzuspeisen, den er für ein lebendiges Wesen hält, das auf seine Zuneigung reagiert? Möglicherweise ist sein Bedürfnis, Liebe zu geben und zu empfangen, eines der letzten psychischen Begehren, die ihm geblieben sind. Und genau hier soll gespart werden und der Patient getäuscht und in die Irre geführt? Wie in der Medizin so gilt auch in der Pflege: Wer mehr Technik einsetzen will, darf den sorgenden Menschen nicht ersetzen wollen. Ansonsten vergeigen wir das Versprechen, für das die Digitalisierung stehen soll: die Welt menschlicher zu machen!

Das Versprechen digitaler Technologie besteht darin, unser Leben besser zu machen. Doch was heißt besser? In einer humanen Utopie bedeutet besser nicht gleich kürzer, bequemer oder smarter. Die Technik muss sich nach den tatsichlichen Bedürfnissen des Menschen richten, und die sind nicht ein-fach quantifizierbar. Wer seine Kultur danach ausrichtet, was bislang am massentauglichsten war, der hat nicht verstanden, was Kultur ist. Kultur soll keine Probleme lösen oder immer das bestätigen, was ohnehin akzeptiert ist. Oftmals ist der na-

 

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