Ökobetyár

High tech vagy low tech? | öko-retro-bio-grín

PRECHT DEUTSCH 151-172

2019. január 10. 13:17 - RózsaSá

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der Gesundheit, der Freiheit, dem Einkommen und all einer guten Regierungsführung. Dass die Technik zur Gesundheit oder zum Einkommen viel beitragen kann, ist klar. Für sich genommen garantiert sie aber weder Freiheit noch soziale Fürsorge noch eine gute Regierungsführung. Möglicherweise, da-von wird noch zu reden sein, steht sie all dem — bei falschem Einsatz — sogar entscheidend im Weg. Zu den großen Beeinträchtigungen des Glücks zählen die Verantwortlichen des World Happiness Report »Arbeitslosigkeit«. Unter den Spielregeln von Arbeits- und Leistungs-gesellschaften nach kapitalistischer Ethik alter Schule nicht verwunderlich. Als ebenso glücksmindernd gelten allerdings auch »schlechte Arbeitsbedingungen«. Zumindest diese Mise-re lässt sich in Ländern mit einer Produktivität wie Deutsch-land durch ein Grundeinkommen weitgehend beseitigen. Wer weiß, ob sich die Bundesrepublik in Zukunft weiterhin, wie jetzt, auf Platz sechzehn wiederfinden wird? Ein höheres Bruttoinlandsprodukt allerdings wird unser Land nicht von allein glücklicher machen. Als eindringliches Beispiel warnen die Glücksberechner der Vereinten Nationen vor China. Seit den Neunzigerjahren hat sich das BIP in China verfünffacht. Und fast jeder städtische Haushalt verfügt heute über Waschmaschine, Fernseher und Kühlschrank. Gleichwohl steht China Inh Platz neunundsiebzig im Glücksranking nicht besser da, als vor fünfundzwanzig Jahren! Das Glück, das durch Technik und Komfort hinzukam, frisst die soziale Vereinzelung und die Unsicherheit wieder auf. Nun kann man über Glücksrankings gerne schmunzeln. Ist das Glück nicht genau das, was man nicht messen kann? Wer mittag schon von sich selbst zu sagen, wie glücklich er ist? Und wechselt das gefühlte Glück nicht von Tag zu Tag, mitunter in Stunden und Minuten? Die sogenannte Glücksöko-

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nomie ist eine fragwürdige Wissenschaft, weil sie exakt misst, was sich exakt nicht messen lässt. Wer das Glück messen will, hat es nicht verstanden! Was zum Glück beiträgt — Achtsamkeit, Respekt, eine Kultur des Vertrauens, Selbstbestätigung, Selbstwirksainkcit, die Kunst, mit seinen Ansprüchen umzugehen, keine Existenzangst zu haben, ein gutes Umfeld, Freunde usw. —, ist seit den Tagen der antiken Griechen gut bekannt. Und um das Glück der Menschen zu mehren oder zu bewahren, braucht ein reiches Land wie Deutschland kein weiteres materielles Wachstum. Die Prozente, in denen das BIP wächst, sind nicht jene, die an Glück hinzugewinnen. Das BIP muss nicht steigen, damit die Menschen glücklicher werden. Es muss steigen, um unseren Sozialstaat alter Machart zu finanzieren. Und es muss steigen, um eine wirtschaftliche Dynamik weiter voranzutreiben, die uns mehr Wohlstand verspricht, wenn auch längst nicht für alle, dazu mehr Energieverbrauch, mehr Ressourcenausbeutung, stetigen Klimawndel und mehr Müll. Jeder technische Fortschritt, was auch immer er an Annehmlichkeiten mit sich bringt, kürzt zugleich eine Dimension des Lebens heraus. Das Maschinenzeitalter des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dynamisierte die fortgeschrittenen Gesellschaften, machte sie lauter, greller, hektischer und bun-ter. Stille und Muße waren keine Werte mehr, Selbstzufriedenheit und Genügsamkeit keine Tugenden. Die Natur war nicht mehr gegeben als das, was sie war. Sie war jetzt eine Ressource, die effizient und optimal genutzt und ausgebeutet werden sollte. Mit der Natur umzugehen bedeutete, sie, so-weit es eben möglich war, zu verändern. Und das Leben wurde getaktet, das Werden wurde wichtiger als das Sein. Überall lauerte eine lad: unft, die besser sein sollte als die Gegenwart. Die Moderne ist die Zeit der notorischen Unzufriedenheit

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mit dem Status quo; etwas Besseres als die Gegenwart findest du überall! Zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatten viele Menschen das noch lange nicht internalisiert. Die Generation meiner Großeltern, kurz nach der Jahrhundertwende geboren, suchte weitgehend nicht das Risiko, sondern die Sicherheit. Erschüttert durch zwei Weltkriege, die Hyperinflation und die Systemwechsel vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, von dort zur Hitler-Diktatur und dann in die Bundesrepublik, suchte man Ruhe, Gewohnheit, Routine und bescheidenen Wohlstand. In den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren stieg die Erwartung. Mehr Reisen, mehr Konsum, mehr Status. Aber wer, au-, ßer Punks, Rockstars und Formel-1-Fahrern, wünschte sich schon ein disruptives Leben? Selbst wenn die Gier nach immer mehr Konsum von der Werbung täglich angeheizt wird — die neuen Versprechungen der Digitalisierung, ein Leben in permanentem Wandel, der ökonomischen Totalumbrüche und der Nichtung vieler bisher geltender ökonomischer Regeln, treffen auch heute nicht das Bedürfnis der meisten Menschen. Von einer Verschmelzung von Mensch und Maschine, Realität und Fiktion ganz zu schweigen. Ein paar Fans dafür gibt es vielleicht schon, aber es sind wenige. Und was Investoren im Silicon Valley glauben, dabei zu gewinnen oder zu verlieren, muss nicht für Limburg und Wuppertal gelten. Augenscheinlich gibt es hierzulande deutlich mehr Menschen, denen authentisches Erleben etwas wert ist, oder einfach im Hier und Jetzt zu sein. Das reale vom virtuellen Leben zu unterscheiden ist ihnen wichtig, und sie ziehen das erste dem zweiten vor. Ihr Glück bemisst sich, wie im Happiness Report gezeigt, nicht am technischen Fortschritt, sondern noch immer an dem, was seit alters her zur Humanität gehört.

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Wenn dies stimmt, so wäre es das Ziel jeder Utopie, so viel Humanität wie möglich zu bewahren, mrückzugewinnen oder ihre Reichweite unter veränderten Vorzeichen sogar zu vergrößern. Und so wie die erste industrielle Revolution die Arbei-terbewegung als Korrektiv brauchte, um Menschen trotz erklärter Menschenrechte nicht länger als nützliche Werkzeuge zu betrachten, so braucht es auch heute eine starke gewegung, gegen die Schattenseiten der vierten industriellen Revolution. Wieder geht es darum, die Arbeitswelt humaner zu gestalten. Und wieder geht es darum, auch jenseits der Erwerbsarbeit die Authentizität und das Humane zu verteidigen und einer technoiden Verengung des Menschenbilds den Spielraum zu nehmen. Der Mensch als Teil des Räderwerkes der Maschine oder der Mensch als steuerbares Konglomerat von Daten — hinter beiden Menschenbildern stellt die gleiche Missachtung dessen, was Menschen ausmacht. Die Aufgabe ist damit klar markiert: in einer Zeit radikalisierten Effizienzdenkens das Andere der Effizienz wieder-zuentdecken! Denn die technische Entwicklung, so wie das Silicon Valley sie erträumt und predigt, macht uns nicht zu »Supermenschen«, sondern zu Wesen, die ohne Hilfsmittel nichts mehr können. Unser handwerkliches Können erlischt, unser sprachlicher Ausdruck reduziert sich, unser Gedächt-nis, ausgelagert in Memory-Funktionen, unsere lässt nach, Fantasie besteht aus vorgefertigten ildern, unsere Kreativität folgt ausschließlich technischen Mustern, unsere Neugier weicht der Bequemlichkeit, unsere Geduld permanenter Ungeduld; den Zustand der Nicht-Bespaßung halten wir nach mehr aus. Wenn so der »Supermensch« aussieht — wer wollte dann einer sein?

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In der Geschichte der Menschheit diente die Kultur dem Leben und die Technik dem Überleben. Heute bestimmt die Technik unser Leben, aber welche Kultur sichert unser Überleben? Darauf eine Antwort zu geben ist die Aufgabe der Utopie. Wie schaffen wir es, dass unsere aus guten Gründen lieb gewordenen »menschlichen« Werte überleben und damit am Ende die Spezies Mensch nicht ausstirbt? Von einem wichtigen Bereich war bereits die Rede. Die Grenzen zwischen unbezahlten Tätigkeiten und Erwerbsarbeit dürfen nicht weiter starr sein. Bleiben sie es, droht eine Zwei-klassengesellschaft von durch Grundeinkommen, Konsum und Bespaßung abgespeisten »Nutzlosen«, die nur als Datenträger noch von einigem Wert sind. Und von der kleineren Gruppe derer, die immer mehr erwirtschaften, ihre Berufstätigkeit ver-erben und im »Elysium« wohnen. Stattdessen brauchen wir ein Modell, das es allen BGE-Empfängern grundsätzlich leicht macht, jederzeit Teil- oder Vollzeit wieder ins Berufsleben einzusteigen oder als Existenzgründer ihren Weg zu machen. Zwei Jahre ohne Erwerbsarbeit gelebt zu haben darf unter veränderten Arbeitsmarktbedingungen kein Stigma mehr sein. Gewiss: Auch die Zukunft braucht gut ausgebildete Spezialisten, die nicht morgens jagen und Schafe hüten, bevor sie nachmittags den OP-Saal betreten. Aber sie muss den Jägern, Hirten und Kritikern gleichwohl jede Hürde nehmen, von einem Status in den anderen zu wechseln — zumal Zuverdienste nicht mit dem ;rundeinkommen verrechnet werden. Die Zauberwörter der Zukunft heißen »Selbstorganisation «, »Selbstverantwortung« und »Selbstermächtigung« auf Basis zureichender materieller Absicherung. Doch seine Lebenswelt aktiv zu gestalten, Pläne zu schmieden und das, was man tut, als sinnvoll zu erachten sind voranssetzungsreiche Fähigkeiten. Sein Leben in die Hand nehmen kann nur, wer es

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auch gelernt oder zumindest nicht durch schlechte oder keine Erziehung verlernt hat. Nur unter solchen Voraussetzungen ist denkbar, dass tatsächlich ein neues selbstbewusstes Bürgertum entsteht, das die digitalen Mittel nutzt, um sich gut zu informieren und zu organisieren. Die Frage nach einer humanen Gesellschaft der Zukunft wird zudem nicht allein »von unten« entschieden werden können. Wie bei jeder gesellschaftlichen Veränderung brauchen die selbst woruganisierten Bürger die Hilfe staatlicher Politik, die den Besstseinswandel aufgreift. Soziale Netzwerke, die nicht als geschlossene Systeme funktionieren, sind dafür wesentlich hilfreicher als solche wie etwa Facebook, Twitter oder Instagram. Zwar schaffen auch die Dienste der Datenspione riesige Plattformen zum Austausch. Aber hinter den Kulissen regiert nicht die Freiheit, sondern der Kommerz. Die Plattform selbst hat ein Interesse, das sich von die sie nutzen. Von Mitbestimmung bei dem der Menschen unterscheidet, stimmung bei dem, was die Betreiber der sozialen Netzwerke mit den Daten der Menschen machen, kann keine Rede sein. Ihr Geschäftsmodell ist nicht Transparenz, sondern Dunkelheit. Und ihre Macht ist so groß, dass sie schon lange nicht als unbeteiligte Akteure der Gesellschaft begriffen werden kön-nen, sondern als Manipulatoren mit eigenen Interessen. Ovaler arallel zu einer sich auf Facebook austauscht, trägt gewaltigen Machtverschiebung von der Sphäre der Politik in die der Technikkonzerne bei. Selbstermächtigung beginnt also bereits dort, wo ich beschließe, einen digitalen Raum zu betreten oder nicht. Diese Anstrengung fällt vielen Menschen noch immer äußerst schwer, denn die Folgen sind gespenstisch unsichtbar. Ohne tätige Hilfe des Gesetzgebers, der bestimmte unsittliche Geschäftsmodelle unterbindet, ist hier offensichtlich nichts zu machen. Ein zweiter Punkt der neuen »Bewusstseinskultur« — ich entleihe das Wort Ciceros »cultura animi« — ist, den Wert der Dinge 157

und Umstände, mit denen wir leben, wieder mehr zu schätzen: genauer hinzuschauen, sich mehr Zeit zu nehmen, etwas es selbst sein zu lassen, ohne irgendwo draufzudrücken, damit es piept oder ein neues Bild kommt. Wenn Google-Vizepräsident Sebastian Thrun sagt: »Wir Menschen sollten keine repetitiven Dinge tun. Dafür sind wir doch zu schade« (52), scheint er nicht zu wissen, was ein Mensch ist. Das menschli-che Leben ist voller repetitiver Dinge, für die man sich nicht zu schade sein sollte: Essen, Trinken, Schlafen, Sich-den-Tag-Er-zählen, Sich-Umarmen, Kochen, Miteinander-ins-Bett-Gehen. Zu einem erfüllten Leben gehören für die meisten Menschen ein Maß an Gleichförmigkeit und lieb gewordene Rituale. Das Besondere daran ist: Nicht jede dieser Tätigkeiten hat ein äußeres Ziel. Man braucht es nicht tun, um zu überleben, und man verdient damit auch kein Geld. Karten oder Fußball zu spielen, seinen Garten zu verschönern, sein Aquarium zu pflegen, einen Hund zu halten oder sich gemeinsam zu betrinken ist weder überlebensförderlich, noch macht es im finanziellen Sinne reich (von Berufszockern, Hundezüchtern usw. einmal abgesehen). All das gilt in der Gesellschaft auch nicht als Leistung; im Gegensatz zu Tätigkeiten wie ein Versicherungsimperium aufzubauen oder gefährliche Pflanzenschutzmittel in alle Welt zu verkaufen. Wertvoll wird eine Tätigkeit für Menschen nicht zwangs-la tifig, dadurch, dass sie einem gesellschaftlich als wichtig erachteten Ziel dient. Vieles hat seinen Zweck schlichtweg in sich selbst: Ich tue etwas, weil ich es gerne tue. Eine solche »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« erachtete Immanuel Kant schon vor mehr als zweihundert Jahren als das Wesen Kunst. Nichts anderes meinte Oscar Wilde, als er den Menschen der Zukunft als Künstler beschrieb. Und auch im

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21. Jahrhundert trägt es erheblich zur Lebenskunst bei, Dinge zu tun, die ihren Zweck in sich selbst tragen. Humor, Alkohol, Sport und der meiste Sex haben allesamt keinen praktischen Zweck, tragen aber oft zum Lebensglück bei. (53) All das muss jeder Utopist berücksichtigen. Die intrinsische Motivation — das selbstbestimmte Interesse — muss im Mittelpunkt jeder Utopie stehen. Sie macht in ihrer schillernden Fülle das Menschsein aus. Ständig das Nützliche zu tun charakterisiert dagegen die niederen Tiere. Ameisen und Termiten machen jeden Tag nur das Nützliche. Gerade die bun-te Vielfalt des biologisch Verzichtbaren macht Menschen zu Menschen. Glücklich und ein netter Mensch zu sein bedeutet, sich aus der »Diktatur des Um-zu« zu befreien. Freundschaften sollten nicht nach Kosten-Nutzen-Kalkül gepflegt werden, und ebenso wenig sollte man seine Kinder danach erziehen. Natürlich kann man ihnen gleichwohl eintrichtern, nur das zu machen, wovon sie sich einen handfesten und geldwerten Lebensvorteil versprechen. Man kann sie darauf konditionieren, immer die Besten in allem sein zu wollen, um viel Ruhm und viel Geld zu erlangen. Im Zweifelsfall kennen sie dann, wie Oscar Wilde meinte, von allem den Preis und von nichts den Wert. Was anderen die helle Freude an einer Symphonie oder ein tiefes literarisches Erlebnis ist, wird ihnen zu verkaufba-rem Content. (Menschen ohne echte Bildung und Herzensbildung erkennt man an der Verwendung dieses Wortes.) Doch warum man es wollen sollte, viel Ruhm und Erfolg um jeden Preis — zum Beispiel dem einer unglücklichen Kindheit — zu erlangen, darauf gibt es, wie der englische Kulturphilosoph Terry Eagleton schreibt, »keine besonders erhellende Antwort. Erklärungen müssen irgendwann zu einem Ende kommen.« (54) Kultur ist mehr als das Nützliche. Und Fortschritt ist nicht um seinen selbt willen gut, sondern wenn er Fortschritt zu

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mehr Menschlichkeit ist. Gerade deshalb geben sich die Chefideologen des Silicon Valley so viel Mühe, ihre Geschäftsmo-delle als einen solchen zu verkaufen: Transparenz, unbegrenzte Kommunikation und die völlige kognitive Entgrenzung des menschlichen Bewusstseins werden als ebensolcher Menschheitsfortschritt angepriesen. Wollte der Mensch nicht schon immer Zeit und Raum überwinden? Wollte er nicht den engen Kasten seines begrenzten Bewusstseins sprengen? Ja, vielleicht gab es stets Menschen, die das wollten. Und andere, die das nicht wollten, die lieber in Frieden die Menschen und Dinge hegen und pflegen wollten, die ihnen lieb und teuer waren. Auch hier gilt die große Vorsicht: Man hüte sich vor ideologisch verkürzten Aussagen darüber, was »der Mensch« will und vor allem wohin! Solche Fragen werden nicht durch willkürliche Behauptungen über die Natur des Menschen entschieden. Sie entscheiden sich durch den langen Blick ins Leben, durch gute Kenntnis der Bedürfnisse realer Menschen und in Diskussionen, Kontroversen und politische Debatten. In jedem Fall scheint das Hegen und Pflegen von Bewährtem ebenso zum menschlichen Bedürfnis zu gehören wie das Wegwerfen, Ablegen, Veralten-Lassen, Entsorgen und Entwerten des Vergangenen. Die Jugend liebt die Sessel ihrer Urgroßeltern ebenso wie ihr Tablet. Das Werden ist nicht in jedem Fall wertvoller als das Sein; die Disruption hat keinen selbst-verständlichen Mehrwert vor der Kontinuität. Dass Menschen in Westeuropa im Laufe des 19. Jahrhunderts, je weniger sie an Gott glaubten, umso mehr den Fortschritt anbeteten, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Fortschritt kein Gott ist. Die Zukunft hat keinen Wesentlichkeitsvorsprung vor der Gegenwart. Doch spätestens mit dem Franzosen Auguste Comte wird der Fortschritt im 19. Jahrhundert zu ei-

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ner Zivilreligion. »Ordem e Progresso« — die Inschrift auf der brasilianischen Flagge ist dem Philosophen des Positivismus entnommen. Triebkraft des Menschen ist sein Antrieb zu Höherem, Fortschritt sein Ziel. Mit dem Grundzustand der Zufriedenheit allerdings ist es unter diesen Vorzeichen vorbei. Die Gegenwart wird zu einem uneigentlichen Zustand, nur die Zukunft zählt. Auf diese Weise wurde die Un-zufriedenheit mit dem Status quo zum Motor des Fortschritts von der viktorianischen Zeit zu den heutigen Gesellschaften des 21. Jahrhundert. Keine Zufriedenheit eines Kunden darf lange währen, ansonsten ist er nicht bereit, Neues zu kaufen. Aus der Bedarfsdeckungsgesellschaft ist eine Bedarfsweckungsgesellschaft geworden. Und das Glück liegt immer in der Zukunft. Es wäre albern zu behaupten, dass dieser Prägung eine Art höherer Logik oder Vernunft entspricht. Die Lebensweisheiten aller Völker, insbesondere die ostasiatische Philosophie, widersprechen dem zutiefst. Und dass der Tag zu würdigen, zu bewahren und auszukosten sei, findet sich ebenso in den antiken Weisheitslehren wie im Christentum. Doch in einer Gesellschaft, in der viele schlaue Apparaturen alles messen —Schritte, Treppenstufen, Blutdruck, Puls, Schlafstunden, Kalorien, Stimmung, Tagesablauf, Periode, Vitamine und Leber-werte —, ist es nicht leicht, den Tag anders zu bewahren als in Daten. Wer sich unentwegt misst, tritt zu sich selbst in eine exzeissrische Position. Er behandelt sich als Objekt, statt einfach nur zu sein. Man denke an Martin Seels Satz, dass die messbare Seite der Welt nicht die Welt ist, sondern nur die messbare Seite der Welt. Auch die messbare Seite des Selbst ist nur die messbare Seite des Selbst und nicht das Selbst. Was könnte langweiligeres von einem in Erinnerung bleiben als Daten — ausgenommen vielleicht die Millionen Selfies, die man seinen

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Kindern als persönliches Vermächtnis hinterlässt: Mama oder Papa waren immer nur mit sich selbst beschäftigt! Doch je mehr Menschen sich durch sogenanntes Self-Tracking überwachen, desto alltäglicher wird es. Das, was mich selbst ausmacht, ist dann nicht mehr meine Lebensgeschichte und meine Selbstinterpretation; kein »Narrativ«, sondern eine Addition. Statt Erzähler unserer Identität zu sein, werden wir zu Zählern und zu freiwilligen Zulieferern all derer, die uns diese feinen Dienste zur Verfügung stellen, um uns einzutüten und zu verkaufen. Gesund leben zu wollen ist ein leicht nachvollziehbarer Wunsch. Doch dass es bei unserer Gesundheit immer auf die ,effizienteste Lösung ankommen soll, eine Ideologie. Das Streben nach Effizienz ist dem Menschen nicht von Natur vorgegeben. Die Natur ist nicht effizient — ihr Wesen ist Verschwendung. Das eindimensionale Menschenbild des Viktorianismus, das auch Darwin prägte, hat unseren Blick auf die biologische Natur einseitig verengt. Schon Darwins Zeitgenossen Karl Marx war das nicht entgangen: »Es ist merkwürdig«, amüsierte er sich, »wie Darwin unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte, >Erfindungen< und Malthus'schem 'Kampf um Dasein' wiedererkennt. « (55) Nichtsdestotrotz se-hen Biologen und evolutionäre Psychologen noch heute überall ..Strategien«, »Vorteile« und »Kalkül« der Natur am Werk, wo keine sind. Geht es nach ihnen, so besteht das Ziel tierischen Verhaltens vor allem darin, Energie zu sparen. Und das, wo die Natur als ganze eine einzige große sinnlose Verprassung von Energie ist! Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Optimierungsauftrag, als den Menschen in anderem Licht. Warum sollte die Selbstoptimierung das Ziel des einzelnen Menschen sein oder

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gar das der Spezies Mensch? Und warum soll der Mensch sich vollständig von seiner Animalität befreien, bis er oberflächenpoliert und geruchsneutral wie eine Maschine ist? Es scheint, als hätte der eine oder andere Geek aus dem Silicon Valley kein allzu gesundes Verhältnis zu seinem Körper. Man denke auch an den Hygiene- und Sterilitätswahn, der dort stärker verbreitet ist als in allen anderen Winkeln der Welt. Zwar empfahlen schon die griechischen Philosophen der Antike, an sich zu arbeiten und seine Erkenntnisse und Tugenden auszuweiten und zu schleifen. Aber dass der Mensch das Menschsein überwinden solle, findet sich höchstens in den esoterischen Lehren Plotins. Und hier ist nicht die Maschine das Ziel, sondern die Verschmelzung mit dem sphärischen Einen. Wer den Menschen überwinden und einen Supermenschen hervorbringen will, dem fehlt es an Menschenliebe oder an sittlicher Reife — oder an beidem. Eigentlich gehört er auf die Couch. Doch wer soll ihm sagen, dass er einer Therapie bedarf, wenn man mit diesem Denken und Streben so formidabel Geld verdienen kann? So lässt man dem Mythos freien Lauf, die Geschichte der Menschheit sei bereits evolutionär vorgezeichnet. Und am Ende steht das Technozän mit seiner Verschmelzung von Mensch und Maschine, oder aber, im ungünstigeren Fall, die Diktatur der autonom gewordenen Maschinen. Nicht anders hatten schon die Christen im Mittelalter ein tausendjähriges Reich Gottes auf Erden vorausgesagt und die Nationalsozialisten die »Vorsehung« bemüht, die ihnen gleichsam naturgesetzlich ein solches bescheren sollte. Aber darf sich beruhigen: Einen wirklich perfekten Supermenmenschen hat das Silicon Valley zu keinem Zeitpunkt im Auge. Nur unperfekten Menschen garantieren, dass sie sich auch in Zukunft von jeder Kaufempfehlung anreizen, von jeder Manipulation verführen lassen. Ein perfekter Mensch, Herr seiner Antriebe und Durchschauer seiner Umwelt, ist des Valleys Tod ...

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Die Geschichte des Menschen wird von Menschen gemacht, nicht von Naturkräften, geologische Katastrophen einmal ausgenommen. Und die Fiktion vom vorgezeichneten Lauf der Welt ist nicht mehr als ein Marketingtrick, mit dem das Silicon Valley seine Zukunftsfantasien als die Zukunft ausgibt. Eine humane Utopie lässt sich davon nicht beeindrucken. Ihre Fortschrittsidee sieht die digitale Technik als ein Hilfsmittel für eine bessere Zukunft, nicht aber als Zweck der Menschheitsentwicklung. Gewiss streben Menschen seit, alters her danach, sich als körperliches Mängelwesen mithilfe ihrer Intelligenz von Unbilden zu befreien und das Leben welliger mühsam zu gestalten. Doch so viel Bequemlichkeit lind Komfort wie möglich wird damit nicht zum Menschsziel. Immer mehr an Komfort kann zugleich ein immer welliger an Glück bedeuten, jedenfalls dann, wenn es nichts gibt, was einem zu tun bleibt. Ein Zustand des ultimativen Komforts ist ein Zustand des Stillstands. Und dass der als ein Bewegungstier — er ist kein Steinfisch, keine Spinne, kein Polyp — am glücklichsten sein soll, wenn es außer Knopfdruck und Wischbewegung nichts mehr zu machen gibt, ist eine schräge Interpretation. Eine humane Utopie setzt also keinen festgelegten Weltenlauf voraus, sondern orientiert sich an echten Bedürfnissen. An kaum etwas anderem lässt sich das so schön zeigen Verhältnis zur Zeit. »Unsere Zeit rast« und „Die Erde dreht sich immer schneller«: Beide Sätze drücken aus, wieviele Menschen heute fühlen, Obwohl sie wissen, dass es faktisch nicht stimmt. Doch wie kommt es, dass fast jeder in unserem Kulturkreis 164

etwas fühlt, was nicht der Fall sein kann? Der Hauptgrund dafür ist, dass; wir glauben, unsere Zeit effizient nutzen zu müssen. Dabei können wir aus einem immer größeren Angebot an Möglichkeiten wählen, was wir tun wollen. Gehetzt wie wir sind, bedrohen wir uns ständig mit all dem, was wir in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht erledigt haben. Um mehr in gleicher Zeit zu schaffen, unter-werfen wir uns einem Zeitregime und legen Zeitfenster für be-stimmte Dinge fest. Doch das schlechte Zeitgewissen ist unser ständiger Begleiter. Seit der ersten industriellen Revolution betrachtet die euro-päische Kultur Zeit als eine Ressource und setzt sie dem Geld gleich: »Zeit ist Geld.« Wer schneller produziert, schafft sich einen Wettbewerbsvorteil. Er kann schneller Neues auf den Markt bringen und die Stückzahl erhöhen. Parallel zur Tak-tung der Arbeit erhöhte sich die Mobilität durch neue For-men des Verkehrs: Eisenbahn, Autos und Luftfahrt. Schnellerer Transport und schnellere Produktion erschufen das von Goethe so genannte »veloziferische Zeitalter«. Und wo früher Telefone die Aktienkurse vermittelten, herrscht heute Echtzeit-kommunikation an den Börsen der Welt. Je schneller sich die Zeit überwinden lässt, umso kleiner wird die Welt. Menschen leben heute nicht in einer Zeit, sondern sie »haben « Zeit — oder eben nicht. Der Arbeitszeit steht die Freizeit gegenüber mit gleichen Regeln: Man muss sie so gut wie möglich »nutzen «, denn auch diese Ressource ist begrenzt. Alle Zeit untersteht heute der »Diktatur des Um-zu«. Da hilft es wenig, dass uns die Erfinder digitaler Apparaturen stets versprechen, wir könnten damit Zeit sparen. Bislang hat noch jeder technische Fortschritt Menschen die Zeit geraubt.

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Wie der Soziologe Hartmut Rosa gezeigt hat, wächst mit den Möglichkeiten zugleich der Anspruch. Wer früher sechs Briefe beantwortet hat, muss heute auf sechzig E-Mails reagieren. (56) Dabei wird kaum hinterfragt, dass der Leitspruch »Zeit ist Geld« ziemlich irrig ist. Mit Geld lässt sich die menschliche Lebenszeit oft genug nicht verlängern. Und auch sonst haben Zeit und Geld äußerst verschiedene Eigenschaften. Geld halbiert sich, wenn man es teilt — Zeit nicht! Sie wird nicht schnel-ler weniger als sonst auch. Im Zweifelsfall bleibt sie uns als »erfüllte« Zeit in Erinnerung, jedenfalls eher als jene Zeit, die wir damit verbracht haben, unsere Schritte und Treppenstu-len zu zählen. Am wichtigsten aber ist: Geld kann man sparen, Zeit nicht. Eine »Zeitsparkasse« gibt es nur in Michael Endes Momo. Doch weder Fast Food, Speed Dating, Power Napping oder Multitasking sparen uns Zeit. Sie sind nur andere Verhaltensweisen in derselben Lebenszeit. Und immer mehr ist oft immer weniger. Auf der anderen Seite zeitigt die Vollbeschäftigung des Lebens eine ganze Reihe unbeabsichtigter Effekte. Die Gegen-wart scheint zu schrumpfen. Schon Goethe legt seinem Ro-manhelden Eduard 1809 in den Wahlverwandtschaften die Worte in den Mund: »Es ist schlimm genug ... dass man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vor-la liren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen, wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen. « (57) Nichts scheint mehr dauerhaft zu gelten. Wie soll man sich da orientieren? Besonders betroffen davon ist die Politik. Kein Wunder, dass die Langfristigkeit aus dem politischen Denken verschwunden ist, die Taktik die Strategie ersetzt. Wenn das Schritthalten keine Zeit zum Denken mehr lässt, geht mit Zeitverlust ein Utopieverlust einher. Und die Retropie – in der die

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Uhren noch langsamer liefen — tritt an die die Zeit, in der die Stelle der Zukunftsgedanken. Eine Utopie für das digitale Zeitalter kann daraus viel ler-welt weiter beschleunigen zu wollen ist kein Versprechen, sondern eine Drohung. Die Gesellschaft der Zukunft braucht Ruhezonen und Inseln der Entschleunigung. Und statt alles steigern zu wollen, benötigen wir eine Kultur der Achtsamkeit, die den Wert all der Beziehungen wahr-nimmt, die Menschen zu ihrer Mit- und Umwelt aufbauen. Um eine solche »Resonanz«, von der Hartmut Rosa spricht, wahrzunehmen und zu pflegen, bedarf es in unserer reizüber-fluteten Gesellschaft hoher Konzentration. Sie in den Köp-fen unserer Kinder zu bewahren und zu trainieren ist eine der im 21. Jahrhundert wichtigsten Aufgaben von Bildung . Intelligente Maschinen verlangen eine intelligente Nutzung. Und ihre Beherrschung schließt das Benutzen des Ausschaltknopfs mit ein … Die Kultur zu Anfang des 21. Jahrhunderts ist eine Kultur der »Sofortness«. »Der Kunde will alles, und zwar sofort. Er ist faul und ungeduldig«, durfte ich auf ungezählten Veranstaltungen lernen. Ein Schuft, wer sich fragt, ob der Vortragsredner glücklich wäre, wenn seine eigenen Kinder ihm »faul und ungeduldig« geraten? So denkfaul und ungeduldig wie Donald Tramp vielleicht? Doch wie kann in der Wirtschaft als fraglos vorausgesetzt werden, was Pädagogen ein Albtraum ist? Ist es tatsachlich notwendig, aus wirtschaftlichen Gründen Fehlentwicklungen zu bedienen, die wir aus pädagogischen, sozialen, politischen und ethischen Gründen ablehnen? Wer alles will, und zwar sofort, ist auf die großen Umbrüche unserer Zeit schlecht vorbereitet. Was zählt, sind lang-

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fristiges Denken, Entscheidungsstärke in komplizierten Vorgängen und ethische Haltungen. All dies zu trainieren, ist eine wichtige Aufgabe unseres Bildungssystems. Dass unsere Kinder in den Schulen nur äußerst unzureichend auf die Herausforderungen ihres künftigen Lebens vorbereitet werden — in dieser Frage sind sich alle einig; einige Vertreter des etablierten Systems, wie manche Lehrer oder Kultusbürokraten, einmal ausgenommen. »Deutschland muss mehr für die Bildung tun! « Doch was ist damit gemeint? Vereinfacht gesagt, treffen hier zwei Positioen aufeinander, die gegensätzlicher nicht sein können. Für viele Wirtschaftsvertreter und manche universitären Bildungexperten ist die Sache ganz einfach: Eine digitale Gesellschaft braucht mehr digitales Know-how. Je mehr digitale Technik im Unterricht eingesetzt wird und je stärker die MINT-Fächer gefördert werden, umso besser werden Kinder auf den zukünftigen Arbeitsmarkt vorbereitet. Nicht zu vergessen sei such das frühzeitige Antrainieren von Unternehmergeist. Je mehr Kinder später ein Start-up gründen, umso besser ist es eine Schule bestellt. Für viele klingt das plausibel. Zumindest auf den ersten Blick. Doch wer sich mit dem Thema länger beschäftigt, dem fällt auf, wie voraussetzungsreich ein solches Bildungsziel ist. Es unterstellt erstens, dass es die Aufgabe unseres Bildungssystem ist, dem Arbeitsmarkt passgenau die entsprechenden Arbeitskräfte bereitzustellen. Und es nimmt zweitens an, dass die Arbeitsmarkte der Zukunft so aussehen wie jetzt, zusätzlich mit einer weit höheren Nachfrage nach Informatikern und Entrepreneuren. Größere gesellschaftliche Umbrüche durch dir digitale revolution kommen in diesem Modell nicht vor. Und Bildung vor allem eines — Ausbildung! Die zweite Position formuliert ein anderes Bildungsziel:

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Bildung bedeutet, so viele junge Menschen wie möglich dazu zu befähigen, ein erfülltes Leben zu leben. Der gegenwärtige und gemutmaßte Bedarf der derzeitigen Arbeits- und Leis-tungsgesellschaft ist für sie nicht der höchste Maßstab. Wer weiß schon, ob die Prognosen zutreffen, dass wir in zehn Jahren viel mehr Informatiker brauchen? Möglicherweise benötigen wir vor allem »Empathie-Berufe«, wie das Millennium-Projekt vermutet. In solcher Lage Bildung an kurzfristigen Spekulationen über den Arbeitsmarkt auszurichten ist fahrlässig und gefährlich. Das höchste Bildungsziel kann auch nicht darin bestehen, möglichst viele Kinder dazu zu bringen, hohe unternehmerische Gewinne erzielen zu wollen. Unsere Gesellschaft funktioniert offensichtlich nur, wenn die eiskalten Kosten-Nut-zen-Maximierer ihres finanziellen Vorteils in der Minderheit sind. Wer würde unter solchen Voraussetzungen noch Kindergärtnerin oder Altenpfleger? Alle Bildungsziele, die den Abeitsmarkt über die Persönlichkeitsbildung stellen, sind kurzsichtig. Es braucht nicht nur Menschen, die in der digitalen Ökonomie erfolgreich sind. Es braucht auch solche, die unsere Werte und unsere Handwerkskunst bewahren, sich für andere Menschen einsetzen, Traditionen pflegen, sich kümmern und über alternative Gesellschaftsmodelle nachdenken. Eine Welt allein aus Geeks, Finanzspekulanten, YouTube-Stars und Influencern ist weder möglich noch wünschenswert. Und es muss kein Nachteil sein, wenn morgen noch jemand Koch, Ökobauer, Sozialarbeiter, Tischler oder klassischer Musiker werden will. Maßstab für ein neues Bildungssystem kann nicht ein ge-mutmaßter Arbeitsmarkt sein, sondern das Ziel, unsere Kinder dazu zu befähigen, sich in der zukünftigen Welt gut zurechtzufinden. Dabei müssen sie nicht nur lernen, Technik zu

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beherrschen (das können sie meist schon von selbst). Sondern sie müssen lernen, sich in einer Gesellschaft, in der die Technik eine immer größere Rolle spielt, orientieren zu können. Sie müssen das, was sie als Mensch und als Individuum ausmacht, kultivieren. Wer jedem äußeren Reiz sofort nachgibt, wer verlernt hat, sich lange auf eine einzige Sache zu konzentrieren, wer seine Sprache nicht pflegt, wer keinen Bedürfnisaufschub verträgt, wird dies gewiss nicht tun. Sich und seine Wünsche kennenzulernen und sie zu reflektieren, seine Urteilskraft sich selbst und anderen gegenüber zu schulen, Zurückstecken zu lernen, Selbstkontrolle zu bewahren, seine Nachdenklichkeit zu erhalten, mit Stress umgehen zu können — alles das wird in der Zukunft noch bedeutender sein als bisher. Ebenso wichtig ist, in einer reizüberfluteten Welt die eigene Neugier nicht zu verlieren. Wer überall (technische) Antworten bekommt, hat irgendwann keine Fragen mehr. Keine zweite Herausforderung dürfte unsere Schulen und Universitäten so sehr zum Umdenken zwingen, wie die intrinsische Motivation unserer Kinder zu bewahren und zu pflegen. Denn bislang beruht unser Bildungssystem auf dem Gegenteil — der extrinsischen Motivation. Unsere Kinder lernen in der Schule (was immer man ihnen auch erzählen mag) für Noten. Solange dies der Vorbereitung auf das Berufsleben diente, hatten die Kritiker dieses Systems einen schweren Stand. In der klassischen Arbeitswelt arbeitet man schließlich ebenso für eine extrinsi-sche Belohnung — für Geld. In gleichem Maße aber, wie die flächendeckende Erwerbsarbeit im Zuge der Digitalisierung zurückgeht, verliert diese Konditionierung ihren Sinn. Unsere Kinder müssen später in deLage sein, aus intrinsischer Motivation heraus in hoch qualifizierten Berufen Außergewöhn-liches zu leisten. Und sie brauchen noch viel mehr intrinsische Motivation, wenn sie zeitweilig oder länger keiner Erwerbsar-

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beit nachgehen! Seinem Leben selbst einen Rahmen zu setzen und gute Pläne für den Tag zu entwickeln ist die Herausforderung der Zukunft! Je mehr intrinsische Motivation die Menschen haben, umso besser ist es um die Gesellschaft bestellt. Was das für unsere Schulen, ihre Struktur, die Lehrerausbildung, die Lehrinhalte und den Unterricht bedeutet, habe ich an anderer Stelle bereits ausführlich beschrieben." Doch bedauerlicherweise dreht sich die Bildungsdiskussion weiterhin vor allem um formale Fragen: Welche Schultypen? G8 oder G9? Und: »Wie hoch soll die Abiturquote sein? « Das Gleiche gilt für die Diskussion um die Folgen der Digitalisierung für die Schule. »Ab welchem Alter sollen die Schüler Tablets benutzen? «; »Viel digitales Gerät in der Schule oder lieber wenig? «; »Wie baue ich schnelle WLAN-Verbindungen auf? « Und: »Wer bezahlt die digitale Infrastruktur? « Dass die Digitalisierung das bisherige extrinsische Lernsystem infrage stellt, wird dagegen kaum diskutiert. Die Parallele zur Arbeits- und Leistungsgesellschaft ist unverkennbar. Der Ernst der Lage wird dramatisch unterschätzt. Beide Male glaubt man, ein halb totes Pferd weiter durchs Ziel reiten zu können: das über Erwerbsarbeit finanzierte Sozialsystem hier, das auf extrinsische Belohnung ausgerichtete Bildungssystem dort. Übereinstimmung bei allen Bildungskritikern gibt es immerhin in zwei Punkten. Wer jetzt in die Schule geht, eine Berufs-ausbildung macht oder eine Hochschule besucht, muss willens und bereit sein, ein Leben lang weiter zu lernen. Dass das nicht ohne viel intrinsische Motivation möglich ist, ist ebenfalls klar. Und einig ist man sich auch, dass es ohne Kreativität nicht gehen wird. »Kreativität« ist allerdings ein äußerst schillernder Begriff. Kreativ sind nicht nur Komponisten, Schrift-steller, Köche und Softwareentwickler, sondern auch findige ( Geschäftemacher:, Trickbetrüger und die Mafia.

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Kreativität ohne Moral ist gesellschaftlich nicht erstrebenswert. Und Bildung ohne Herzensbildung auch nicht. Fragen der Moral und der Urteilsbildung kommt damit in der Zukunft große Bedeutung zu. Das Gleiche gilt für den Umgang mit technischen Geräten. »Messen« und »Messbares« richtig einzuschätzen ist eine Bildungsfrage. Wer sich selbst kennenlernen will, zählt nicht einfach seine Schritte, sondern er hinterfragt, warum er es tut. »Digitale Selbstkontrolle« und »digitale Risikokompetenz«, zwei Begriffe des Psychologen Gerd Gigerenzer, beschreiben, worauf es dabei ankommt: auf »die Fähigkeit, mit digitalen Technologien informiert umzugehen, mit dem Ziel, deren Nutzen zu erhöhen und möglichen Schaden zu verringern«." In den Schulen der Zukunft müssen die Heranwachsenden lernen, digitale Risiken (wie Telefonieren am Steuer) abzuschätzen und psychologische Zusammenhän-ge zu verstehen. Wer zu viele Dinge auf einmal erledigt, be-treibt kein Multitasking, sondern schädigt dauerhaft sein Gedächtnis. Und wer sein Erinnern an eine Maschine auslagert, kann sich bald kaum noch etwas merken. Umso wichtiger werden klassische, fast schon in Vergessenheit geratene Praktiken, wie Gedichte auswendig zu lernen und das Erinnerungsvermögen zu schulen. Denn auch jenseits der Schulen wird es zukünftig Situationen geben, in denen man sich ohne Hilfe einer Apparatur etwas gut merken muss. Und je weniger im Gedächtnis gespeichert ist, umso weniger steht unseren Kindern zur freien eigenen Kombination von Gedanken zur Verfügung. Wer Kreativität will, muss das Gedächtnis trainieren. Von solchen Schwerpunkten in der Pädagogik ist Deutschland 2018 weit entfernt. Zwar möchte der 2016 vom Bundes-bildungsministerium beschlossene »Digitalpakt« die Schulen fürs digitale Zeitalter flottmachen. Doch wie ein entsprechen-der Unterricht in Zukunft aussehen soll, bleibt so dunkel wie die erdabgewandte Seite des Mondes. Die Utopie dagegen ver-langt, unseren Kinder ganz

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konkret dabei zu helfen, sich vor Aufmerksamkeitsraub und Suchtpotenzialen zu schützen. Sie will deren angeborene Neugier geschützt und bewahrt sehen. Die Schulen der Zukunft müssen Orte sein, an denen die Urteilskraft jedes einzelnen Kindes entwickelt wird — denn der Anschlag darauf ist gewaltig!

Eine humane Utopie richtet sich an dem aus, was Menschen im Allgemeinen glücklich macht und ihrem Leben Sinn gibt. Alle moderne Technik ist in diesem Zusammenhang zu sehen und zu bewerten. Dabei sollte sie nicht versuchen, den Menschen an die Technik anzupassen, sondern sich an seinen Bedürfnissen orientieren. Damit Menschen in einer Welt mit weniger Erwerbsarbeit glücklich sein können, müssen sie viel Zeit und Energie darauf verwenden, sich selbst zu kultivieren; insbesondere deshalb, weil die digitale Technik ihnen abver-langt, angemessen mit ihr umzugehen. Für das Bildungssys-tem stellt sich die Aufgabe, die Neugier und die intrinsische Motivation der Kinder in den Mittelpunkt der Pädagogik zu stellen, um sie zu einem erfüllten Leben in der Zukunft zu befähigen — und zwar auch dann, wenn Erwerbsarbeit nicht länger im Mittelpunkt ihres Lebens stehen sollte.

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